CRISTINA FERREIRA-SZWARC

Świetlica
kuratiert von Wera Bet

 

Lesung & Gespräch
Anlässlich der aktuellen Ausstellung Świetlica von Cristina Ferreira-Szwarc laden KVOST und das Projekt Stadt, Land, Kiez. Nachbarschaften in der Berliner Gegenwartsliteratur des ZfL zu zwei Lesungen ein. Die Lesungen finden im KVOST unter 2G-Bedingungen statt. Anmeldung unter post@kvost.de.

LEA STREISAND  . 29.10.2021 . 19.30 Uhr
Moderation Dirk Naguschewski, ZfL

PAUL BOKOWSKI . 04.11.2021 . 19.30 Uhr
Moderation Georgia Lummert, ZfL

Diese Ausstellung ist das Ergebnis eines langen und intensiven Forschungsprozesses der Künstlerin Cristina Ferreira-Szwarc um ein dutzend Fotografien. Diese zeigen erfrorene Räume, seltsame Zimmer und Hallen.

Im ersten Bild wird ein großer Raum mit weiten Fenstern gezeigt, in seiner Mitte eine leere Bühne, umgeben von Tischen und Stühlen. Die Tische sind in den Raum wie Inseln verstreut. Die Stühle, perfekt aufeinander gestapelt, bilden ein Puzzle, in dem sie sich gegenseitig stützen. Dieser Raum bettelt darum, von seiner eigenen Bewegungslosigkeit befreit zu werden. Das nächste Bild zeigt einen anderen Raum, wo weiße und rote Luftballons angespannt von der Decke hängen. Am Ende des Raums erscheint das polnische Staatsemblem, welches den Raum in zwei Hälften spaltet. Beim Betrachten erscheint zuletzt ein schwarz-weißes Foto. Es kommemoriert den Moment, in dem diese Räume von Menschen belebt werden.

Diese Orte haben viele flüchtige Identitäten: An einem Tag sind sie ein Treffpunkt für Schachspieler oder eine Kita, am anderen werden sie zum Tanzsaal für all diejenige, die sich nach Spaß und Unterhaltung sehnen. Der leere Raum steht kurz still, bis der Zyklus wieder von vorne anfängt.

Die Fotografien sind Teil der Sammlung der Künstlerin, die polnische Städte besucht hat, um diese Orte, genannt Świetlica, zu untersuchen und zu verstehen.

Die Ausstellung im KVOST ist der Versuch, Świetlica im neuen Kontext des Ausstellungsraums wieder entstehen zu lassen. Das Projekt dreht sich um Interviews, die die Künstlerin mit in Berlin lebenden Pol*innen geführt hat. Durch diese Erinnerungen versucht sie, die soziale, emotionale oder einfach physische Struktur der Świetlica zu rekonstruieren. Durch die ausführlichen Interviews mit verschiedensten Menschen nähert sich die Künstlerin dem an, was ein Gemeinschaftsraum ausmacht. Ein Gemeinschaftsraum ist hier ein Symbol des Lebens im Exil, der Suche nach der eigenen Gemeinschaft, um sich wie zu Hause fühlen zu können.

Der Gemeinschaftsraum kann sich in einen szenografischen Raum verwandeln, eine leere Bühne, die es uns erlaubt, die Bezüge zwischen räumlicher Struktur und sozialer Ordnung zu erleuchten. So bezieht sich Ferreira-Szwarc auf Andrew Hewitt’s Konzept der sozialen Choreografie, „die Verbindung von Tanz und der Ästhetik alltäglicher Bewegungen – wie laufen, stolpern und lachen – mit historischen Idealen sozialer Ordnung“. In einer Gesellschaft zu existieren ist eine performative Aktion: Strukturen betreten, bestimmte Systeme navigieren, die eigene Stimme in Kollektivitäten finden, oder Alternativen schaffen.

Ferreira-Szwarc versteht, warum der Gemeinschaftsraum wichtig ist. Sie wurde in Portugal geboren und wuchs dort auf. In den letzten acht Jahren wurde Polen zu ihrem Lebensort, wo die Sprache alle Aspekte des Lebens konditioniert – das emotionale, soziale, kulturelle, bürokratische. Sie bewegt sich dabei auf einer gewissen gemeinsamen Basis, sowohl fremd als auch bekannt, einladend und amorph. Der Gemeinschaftsraum ist selbst ein Territorium, ein für temporäre Gemeinschaften geschaffenes Land. Aber die Świetlica ist auch ein gespenstisches Überbleibsel der Vergangenheit, eine Erinnerung daran, wie Geschichte, Erbe und Architektur den individuellen Charakter prägen. Ferreira-Szwarc baut ihre eigene Gemeinsamkeit im KVOST auf, umrisst den Raum mit ins poetische verschobenen Fragmenten von Interviews.

Was ist also die Świetlica? Ist sie ein realer, physischer Ort? Ist sie die kleinen Gemeinschaften, die sie für nur einen Moment bevölkern? Ist sie nur ein Raum? Eine Utopie? Dystopie? Vielleicht eine Heterotopie? Ein Ort der in seiner seltsamen Erscheinung und Anwesenheit unvereinbar stört, streitet oder transfiguriert. Ein Ort innerhalb einer Welt von Welten, der alles was sich außerhalb befindet spiegelt und jedoch verzerrt. Świetlica steht für die Zeit in unserem Leben, wo andere Menschen Figuren in unseren eigenen Theaterstücken sind. Was ist also die Świetlica für dich, für mich? Für uns?

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Die Künstlerin Cristina Ferreira-Szwarc ist Preisträgerin des KVOST Stipendiums 2020. Die Jury bestand aus den Künstlerinnen Asta Gröting und Agnieszka Polska, weiterhin aus dem auf Ost- und Südosteuropa spezialisierten Kuratorenteam Nathalie Hoyos & Rainald Schumacher und den Gründungsvorständen des Kunstvereins Ost, Julia Rust und Stephan Koal.

Die Jury würdigte mit ihrer Wahl, die europäisch, integrative Ausrichtung und die kommunale Perspektive ihres Projekts Świetlica (Gemeinschaftsraum). Ferreira-Szwarc, die seit 2013 in Polen lebt, wendet den Blick zurück in den Alltag polnischer Immigrant*innen, die in Berlin leben.

Das Artist-in-Residence Programm in Berlin entfiel 2020. Stattdessen wurde das Projekt von KVOST für den Zeitraum von einem Jahr finanziell und organisatorisch unterstützt. Die Ergebnisse des Stipendiums werden zur Berlin Art Week 2021 präsentiert.

Musik von Wojtek Świeca