IZABELLA GUSTOWSKA

Home’s Shadows
kuratiert von Monika Branicka
Claus Michaletz Preis & KVOST Stipendium 2026

KVOST präsentiert im Rahmen der Berlin Art Week die polnische Künstlerin Izabella Gustowska (*1948). Gustowska ist die diesjährige Stipendiatin von KVOST und erhält den Claus Michaletz Preis 2026. Die Ausstellung ist Teil der Sektion Featured der Berlin Art Week.

Izabella Gustowska zählt seit den 1970er Jahren zu den prägenden Persönlichkeiten der konzeptuell orientierten polnischen Kunst. Ihr Werk bewegt sich an der Schnittstelle von Körperrepräsentation, Subjektkonstruktion und feministischer Bildkritik und untersucht die Bedingungen visueller Wahrnehmung sowie die kulturelle Produktion von Identität. Als Professorin an der Kunstuniversität Poznań hat sie mehrere Generationen von Künstler:innen beeinflusst. Internationale Anerkennung erlangte sie unter anderem durch ihre Teilnahmen an der Biennale von São Paulo (1983, 1987) und der Biennale von Venedig (1988).

Für die Präsentation bei KVOST zeigt Gustowska neue Arbeiten, die sich mit den Themen Erinnerung, Identität und Zeitlichkeit auseinandersetzen. Ausgangspunkt ist das Familienhaus in Poznań, in dem ihre Familie seit 1938 lebt und das als biografischer sowie kultureller Erinnerungsraum fungiert. Die neuen Werke treten in einen Dialog mit zentralen Arbeiten aus den 1980er Jahren, die während ihrer Zeit an diesem Ort entstanden sind, und ermöglichen eine retrospektive Betrachtung wiederkehrender Motive und Fragestellungen innerhalb ihres Œuvres.

Gustowska untersucht dabei die Grenzen der eigenen Identität im Spiegelbild des Anderen. Ein wiederkehrendes Interesse gilt Geschwisterbeziehungen und insbesondere den besonderen Bindungen zwischen Zwillingen. Das Verhältnis von Selbst und Gegenüber wird so zu einem zentralen Motiv ihrer künstlerischen Auseinandersetzung.

Eine zentrale Arbeit der Ausstellung ist das Video Home’s Shadows, das eine sentimentale Reise in die Vergangenheit und den Versuch darstellt, den Spuren der Kindheit nachzugehen. Diese klassische Topophilie – also die Suche nach Identität durch den Raum – ist in Gustowskas Auffassung eine Erzählung darüber, wer sie war und was aus jenem damaligen „Ich“ geworden ist.

Die Räume des Hauses wirken auf sie wie Resonanzräume früherer Inkarnationen. Eine wichtige Inspiration für den Film war auch Paul Éluards Gedicht Dans Paris, das von der Schachtelartigkeit eines Ortes erzählt: Paris mit seiner Straße, dem Haus, der Treppe, dem Zimmer, dem Tisch, dem Tischtuch, dem Käfig, dem Nest, dem Ei und dem Vogel. Ähnlich wie bei Éluard tauchen auch in Gustowskas Video verschiedene Elemente wie ein Tisch oder fantastische Vögel auf, die den Garten in einen magischen Ort verwandeln.

Auf den übrigen Arbeiten der Ausstellung zeigt die Künstlerin sich selbst und ihre Geschwister: ihre ältere Schwester und ihren älteren Bruder während eines Urlaubs am Meer. Gustowska tritt dabei nie allein auf; ihr „Ich“ braucht immer ein Echo. Besonders häufig setzt sie sich mit ihrer Schwester in Beziehung, etwa in der frühen Arbeit Relative Similarities VIIISurrogate Twinness von 1980. Nach dem Tod ihrer Schwester nimmt dieses Motiv eine neue Form an. In einer ihrer jüngsten Arbeiten, She and me, erschafft Gustowska einen eigenen Doppelgänger, den sie wie ein Lebewesen auf dem Arm hält. Das Motiv des geteilten und vervielfachten Selbst findet sich auch in ihren Selbstporträts. Die hier gezeigte Arbeit Beyond Myself selbst von 1986 erinnert dabei an ein zerstückeltes Selbst.

Eines der Schlüsselwerke der Ausstellung ist Dinner Party, das von einer Archivfotografie aus der Kindheit der Künstlerin inspiriert ist. Das Foto zeigt ihre Schwester mit Freundinnen an einem runden Tisch. Gustowska greift direkt in diese Erinnerung ein, indem sie das Bild um ein visuelles Zitat aus Judy Chicagos berühmter Installation The Dinner Party (1974 – 79) ergänzt: die Virginia Woolf gewidmete Tischkarte, die auf das feministische Erinnerungsprojekt zur Sichtbarmachung bedeutender Frauen der Geschichte verweist. So erhält die scheinbar alltägliche Szene eine neue Bedeutung: Die private Erinnerung an das Leben in der Villa in Poznań verbindet sich mit Virginia Woolfs Forderung nach einem „eigenen Zimmer“ aus A Room of One‘s Own (Ein Zimmer für sich allein, 1929) und Judy Chicagos symbolischem Tisch weiblicher Gemeinschaft. Zugleich lässt sich die Szene auch als eine Art Séance lesen – als Ritual der Geisterbeschwörung, bei dem Vergangenheit und Gegenwart miteinander in Dialog treten.

Mit freundlicher Unterstützung durch die Art Archive Foundation und die Prater Galerie Berlin.