BAYWATCH

BAYWATCH
Kuratiert von Nathalie Hoyos und Rainald Schumacher

Mit Dragos Alexandrescu, Silvia Amancei & Bogdan Armanu, Tamar Chaduneli, Levan Chelidze, EQUALS Collective (initiated and led by Andreja Kulunčić; the other members wish to remain anonymous), Daniil Galkin, Karol Radziszewski und Martina Vacheva.

KVOST präsentiert in seiner ersten Ausstellung Werke jüngerer Künstlerinnen und Künstler, deren Herkunft und deren kulturelle und sprachliche Prägungen in Osteuropa liegen.

Die ausgestellten Werke sind das Ergebnis von kritischen Beobachtungen, Analysen und Einschätzungen des östlichen Europas, sie erfassen aktuelle Strömungen, Notlagen und Gefahren und zeigen den Facettenreichtum dieser Region.

KVOST präsentiert in seiner ersten Ausstellung Werke jüngerer Künstlerinnen und Künstler, deren Herkunft und deren kulturelle und sprachliche Prägungen in Osteuropa liegen. Die ausgestellten Werke sind das Ergebnis von kritischen Beobachtungen, Analysen und Einschätzungen des östlichen Europas, sie erfassen aktuelle Strömungen, Notlagen und Gefahren und zeigen den Facettenreichtum dieser Region.

Die Konstruktion nationaler Identität ist fest verankert in geschichtlicher Mythologie, in Legenden und Objekten. Hierzu gehören etwa für Bulgarien die aus verschiedenen Jahrhunderten stammenden Goldschätze, die den Thrakern zugeschrieben werden und die seit Jahrtausenden bestehende hohe Zivilisation und Kultur der Region belegen. Martina Vacheva (*1988 Bulgarien) hat einen solchen Goldschatz als Ausgangspunkt für eine Reihe von humorvollen Keramikarbeiten genommen, die in der Ausstellung gezeigt werden. Von einem ihrer frühen Skizzenbücher stammt auch der Titel der Ausstellung. Er reflektiert zugleich den großen Einfluss, den amerikanische Fernsehserien zu Beginn der 1990er Jahre auf die Gesellschaften hatten, die gerade aus der sozialistischen Zensur entlassen worden waren. Die Serien vermittelten Werte, Ideale, Hoffnungen und Abgründe der westlichen Lebensweise. Eine kritische Distanzierung geschah äußerst selten.

Dragos Alexandrescu (*1974 Rumänien) verknüpft in seiner Videoarbeit „Exercising Failure“ drei der zentralen Ideologien und Gedankengebäude zwischen denen sich die Geschichte Europas entfaltet hat. Das ‚Manifest der kommunistischen Partei’ aus dem Jahre 1848 von Karl Marx und Friedrich Engels, die Bibel und das Plädoyer für die Vorteile der kapitalistischen Wirtschaftsweise ‚Capitalism and the Historians’ herausgegeben 1954 vom Nobelpreisträger für Wirtschaft Friedrich Hayek. Das Strickwerk aus diesen drei Lehrgebäuden wird in einer leerstehenden Fabrik produziert als Sinnbild für den tatsächlichen Wandel beim Wechsel von der sozialistischen Planwirtschaft zur freien Marktwirtschaft.

Dieser geschichtliche und soziale Wandel ist auch der Hintergrund für die Serie der „Sexy History Calendar“, die Silvia Amancei & Bogdan Armanu (*1991 Rumänien) seit 2014 realisiert haben. Der Wechsel der politischen Systeme und die rasanten Veränderungen bei der Privatisierung der Wirtschaft führen auch zu einem Verdrängen und Vergessen des Vergangenen. Ein kritisches Nachdenken ist beim Voranschreiten in die kapitalistische Zukunft genauso wenig erwünscht wie in der Vergangenheit. In den Kalendern dokumentieren die beiden Künstler aktuelle Veränderungen und historische Ereignisse mit schwarzweiß Fotografien, die mit Aufnahmen leicht bekleideter junger Männer und Frauen aufgepimpt werden. Für die Ausstellung im KVOST sind die beiden Künstler eingeladen, in Berlin einen neuen Kalender zu produzieren. Auch die Künstlerin Tamar Chaduneli ( *1990 Georgien) realisierte eine neue Arbeit für KVOST, die im Schaufenster der Räume zu sehen ist.

Ebenfalls aus Georgien stammt Levan Chelidze (*1980). In seinen Gemälden porträtiert er Freunde und Bekannte. Dabei ist sein Atelier ein Ort des Austauschs und der Kommunikation über die problematische politische Situation in der ehemaligen Sowjetrepublik, die neben innerer Zerrissenheit auch noch mit Russland über die Unabhängigkeit zweier Regionen in einem militärischen Konflikt steht.

In Referenz zu der schwierigen Lage ehemaliger Sowjetrepubliken zwischen einer Orientierung in Richtung Europa oder in Richtung Russland steht auch die vielschichtige Werkgruppe „The Lower State“ des ukrainischen Künstlers Daniil Galkin (*1985 Dnipropetrovsk). „The Lower State“ versucht die Mechanismen, Stimmungen, Rituale und Emotionen, die der Konstruktion staatlicher und nationaler Einheiten als Grundlage dienen, in großen Installationen offen zu legen. Drei Tragbahren, die aus dem Material „Roter Teppiche“ gefertigt wurden, werden in BAYWATCH präsentiert und verweisen auch auf die realen Toten und Verletzten, die der Krieg in der Ost-Ukraine als Auseinandersetzung solcher nationaler Konstruktionen täglich fordert.

Ein dunkleres Kapitel der Vergangenheit und Gegenwart in den ehemaligen sozialistischen Ländern beleuchtet seit einigen Jahren Karol Radziszewski (*1980 Polen) mit dem „Queer Archives Institute“, das den Personen aus der LGBTI Gemeinde Osteuropas gewidmet ist und die verdrängte, tabuisierte und kriminalisierte Geschichte auch über Interviews und Gespräche dokumentiert und aufarbeitet. BAYWATCH zeigt mit Invisible (Belarusian Queer History) extrem dunkle schwarzweiß Handabzüge, die eine Hommage an die gleichnamige Serie „Invisible“ aus den Jahren 1993-1994 von Igor Savchenko (1962, Minsk, Weißrussland, UDSSR) sind.

Auch Andreja Kulunčić verlässt in ihrer Arbeit die engeren Grenzen des Studios und der Galerie- und Museumswelt. Das EQUALS Collective*, das von ihr initiiert und geleitet wird, während die anderen Mitglieder anonym bleiben möchten, besteht aus einer Gruppe von Frauen mit unterschiedlicher ethnischer, sexueller und religiöser Identität. In einer öffentlichen Plakataktion drücken sie mit einer einfachen Aussage ihre Wünsche und Hoffnungen für ein friedliches und respektiertes Leben aus.

Die künstlerischen Positionen und Intentionen in der Ausstellung sind vielfältiger, subjektiver und divergenter als es die bis in die 1990 er Jahre hinein gemeinsam geteilte Geschichte der Länder Osteuropas mit der Zugehörigkeit zum Warschauer Pakt und den kommunistisch sozialistischen Partei-Diktaturen vermuten ließe. Auch die vergleichbaren Herausforderungen der Gegenwart, wie die Regulierung der Folgen des wilden Kapitalismus nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, der Aufbau einer bürgerlichen Demokratie nach den Einheitsparteien und der Umgang mit der extremen nationalistischen Rechte nach einer Utopie der internationalen Solidarität der Bruderstaaten, sollten eher den Blick auf die Unterschiede und die Vielfalt lenken, die Osteuropa heute auszeichnet.

Nathalie Hoyos und Rainald Schumacher / 2018